«Bitte Vortritt für Platzhirsche beachten!»

Wie die neue geteilte Mikromobilität gerade im Bundeshaus ausgebremst wird.

Kommentar von Dr. Jörg Beckmann, Vizepräsident der Swiss Alliance for Collaborative Mobility (CHACOMO)

Die Schweiz sieht sich gerne als ein Innovationshort mit Weltwumms – und kann ein derart stolzes Selbstverständnis mit Blick auf ihre verkehrstechnischen und
-planerischen Errungenschaften aus den vergangenen Jahrzehnten hier und da allenfalls auch rechtfertigen.

Nicht immer, aber oft genug, «hat’s wer in der Schweiz erfunden», und von hier aus rollte die Innovation in die Welt hinaus. Zum Beispiel das Carsharing, das seit den 90er-Jahren erst mit der ATG und später dann mit Mobility Pate stand (und steht) für viel Nachahmer in anderen Ländern; oder das eCargobike-Sharing carvelo, das in den vergangenen 10 Jahren zu einer festen Grösse in der Schweizer Shared Mobility-Landschaft geworden ist und als Blaupause für ähnliche Transportrad-Initiativen in anderen europäischen Metropolen gilt.

Die Schweiz erweckt somit bei manchen den Eindruck, sie sei eine wahre Petrischale für die Entwicklung, Erprobung und Skalierung kollaborativer Mobilitätsdienste, bei denen alle nur erdenklichen Fahrzeuge, Fahrten und Infrastrukturen nachhaltig miteinander geteilt werden. Die Zahlen des Shared Mobility Branchenverbandes CHACOMO, der «Swiss Alliance for Collaborative Mobility», belegen diesen Anspruch auch eindrucksvoll: Bei über 50 Anbietern haben rund 2 Millionen Schweizerinnen und Schweizer ein Shared Mobility-Abo gelöst. Beide, die Anbietenden und Nachfragenden dieser Dienste, gehören so zu den Nachhaltigkeitspionieren im Mobilitätssektor, die zeigen, wie eine möglichst breite Palette an Car-, Cargobike-, Velo- und Trotti-Sharing zu einer alltagstauglichen, klima- und ressourcenschonenden Alternative für das private Fahr- bzw. Stehzeug – das Auto – wird.

Das eindrucksvollste Wachstum legte in der Schweiz, wie auch anderswo, die geteilte Mikromobilität – und hier insbesondere die geteilten E-Trottis von Bolt, Lime, Voi, Dott, Bird und anderen – hin. Gerade für junge Urbaniten, die an der Schwelle des Einstiegs in die private Automobilität stehen, sind geteilte Trottis, Velos und Transporträder in Kombination mit dem ÖV ein echtes Präventionsprogramm. Ähnlich, nämlich als Ergänzung zum öffentlichen Kollektivverkehr, wird es von einigen Schweizer Städten gesehen und gefördert.

Nur leider sind die neuen geteilten Mobilitätswerkzeuge manchem etablierten Platzhirsch mit verkehrsräumlichem Platzanspruch ein Dorn im Auge und werden regelmässig zum Stein anstössiger und unsachlicher Artikel und Kommentare – ungeachtet ihres hohen Wertes für Wirtschaft, Umwelt und Bevölkerung. Von weit rechts betrachtet untergraben E-Trottis et al. die Flächenhegemonie des klassischen Privatwagens im rollenden und ruhenden Verkehr; von weit links gesehen rütteln sie am ökologischen Alleinherrschaftsanspruch des traditionellen Langsamverkehrs zu Fuss und im Sattel.

Doch nun zeigen gleich mehrere parlamentarische Vorstösse in Bern, wie leicht und schnell aus alten politischen Kontrahenten eine neue, wirkmächtige Phalanx an Shared Mobility-Skeptikern werden kann. Mehrere Motionen aus den Reihen der GLP und SVP versuchen aktuell über eine Helm-, Zulassungs- und Versicherungspflicht das Angebot und die Nutzung von privaten und geteilten Elektroleichtfahrzeugen aller Art zu verunmöglichen – und das obwohl ein mehrjähriger behördlicher Vernehmlassungsprozess zu diesen sogenannten «Trendfahrzeugen» am 1. Juli 2025 endlich zu einer neuen, bei der Fachöffentlichkeit willkommenen, Verordnung geführt hat, welche die Geschwindigkeiten, die Flächenverteilung und die Zulassungskriterien klug und nutzungsfreundlich regelt.

Leider aber sieht das in den relevanten Kommissionen beider Kammern nur eine Minderheit der Parlamentarierinnen und Parlamentarier so wie das Bundesamt für Strassen, die Wissenschaft und Forschung im Verkehrssektor, einschlägige Fachverbände und selbst massgebliche Interessensgruppen, wie der TCS und Pro Velo.

In Folge der «Platzhirscheritis» manch eines Volksvertreters, der in der neuen geteilten Mobilität eine Bedrohung seiner aus der Zeit gefallenen Mobilitätsleitbilder sieht, ist nun zu befürchten, dass bereits Ende 2026 mit einer Revision der eben veröffentlichten Neuregelung einer nachhaltigen Stadtverkehrsentwicklung in der Schweiz ein faules Ei ins frisch gemachte Nest gelegt wird.

Wenn sinnvolle Neuregelungen im Dienste einer sicheren und ressourcenschonenden Mobilität schon nach kurzer Zeit und ohne eindeutige empirische und wissenschaftlich nachvollziehbare Gründe bereits wieder kassiert werden, verschwindet für die Akteure im Schweizer Mobilitätsmarkt nicht nur die Geschäftsgrundlage, sondern auch eine wichtige Nutzungsvoraussetzung für einen alltagspraktischen und zwanglosen Langsamverkehr auf elektrisch unterstützten oder mit reiner Muskelkraft betrieben Mobilitätswerkzeugen – ohne Helm-, Führerschein- und Versicherungspflicht.

Die Leidtragenden wären ausser den Schweizer Verkehrsnutzenden und den innovativen Akteuren im Schweizer Verkehrssektor, die in Kooperation mit Schweizer Städten und Gemeinden neue Mobilitätsangebote entwickeln und betreiben, natürlich die Schweiz mit ihrem Anspruch, als internationaler Hotspot für neue technische und soziale Innovationen im Verkehrssektor zu gelten. Aber vielleicht ist ja genau das die Strategie der Befürworter der oben genannten parlamentarischen Vorstösse und sie setzen auf das alte Bonmot «ist der Ruf erst ruiniert, lebt es sich völlig ungeniert» – in der Hoffnung, als ewiger Platzhirsch auch in Zukunft nachhaltige Mobilitätsinnovationen einfach mal so wegzuröhren.

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